Sonntag, August 13, 2017

SC, NSC, Rollen und Spielfiguren und Wiederholungen

Spielfiguren

Wir nennen es Rollenspiel und sprechen davon, Charaktere zu erschaffen. Charaktere von Spielern werden von denen der Spielleitung unterschieden und diese Spielercharaktere, jene Nicht-Spielercharaktere genannt.
Die Spieler sagen: "Ich spiele einen Magier." oder "Ich spiele eine mal-o-fantastische Zwergenkriegerin des ölften Zauberreigens." Manch einer nennt seine Rolle beim Namen: "In dieser Abenteuerkampagne spiele ich Salogel, den flinken Waldelfenprinzling." und selten behauptet ein Spieler, jemand anderes zu sein: "Ich bin Adelheid, Königin des Sternenmeeres!"
Als Spielleiter sage ich manchmal: "Ich spiele den ganzen Rest. Die Welt." und scherzend füge ich seltener noch hinzu: "Damit die Weltordnung in guten Händen bleibt."

Die Begriffe und ihre Verwendung referenzieren Dinge und ihren Kontext und wie sie gemeint sind. Wenn ich von Spielfiguren spreche, anstatt von Spielercharakteren, dann weil ich mir auf meinem Weg als Rollenspieler eine Haltung sicherer Distanz zu den Figuren angeeignet habe. Ich will eben nicht "mehr von der ultimativen Immersion", sondern eine lebensbereichernde Spielerfahrung mit Freunden. Und wenn sie das nicht ist, dann will ich stattdessen etwas anderes Lebensbereicherndes machen. Hausmusik, beispielsweise. (Und wenn die das zu der Zeit auch nicht ist, dann will ich etwas anderes Lebensbereicherndes machen. Usw.)
Hinzu kommt, dass der englische Begriff character im Bereich der Literaturwissenschaft im Deutschen als Figur verwendet wird. Und da wir uns im Kontext eines Spiels bewegen, halte ich die Spielfigur für naheliegend. Assoziationen mit Ach-ist-doch-nicht-so-schlimm-dass-Du-verlierst-Figuren kann ich beiseite schieben.

Im Bereich der Theaterarbeit, des Schauspiels, der sich meiner Ansicht nur bedingt mit dem des Rollenspiels - und ich grenze hier auf das typische Tischrollenspiel ein - überschneidet, spreche ich davon, eine Rolle zu spielen. Zur Zeit arbeite ich an der Rolle des Detective Sergeant Trotter. Die Vorbereitung dafür, die Probenarbeit mit Ensemble und Regie ist nicht vergleichbar mit den Vorbereitungen für einen Rollenspielabend mit Freunden. Das liegt nicht nur am Skript, den Vorgaben durch die Inszenierung der Regie, den Rahmenbedingungen von Bühnenbild, Licht, Maske und Kostüm, sondern an der Intention der Beteiligten. Darüberhinaus ist die Bühne ein sicherer Ort für Selbstarbeit bei der Ergründung einer Rolle und erlaubt durch Proben sowie Aufführungen etwas, das hierfür und für das Sammeln solcher Erfahrungen wesentlich ist und im Tischenrollenspiel üblicherweise vermieden wird: Wiederholung.
Die Wiederholung und experimentelle Variation in der Ausführung mit Stimme und Körper und gelegentlich auch das Abweichen vom Skript, um die Reaktion im Ensemble und das Fortführen der begonnenen Bewegungen und damit der Handlung zu erfahren.
Diese Wiederholung und Variation eröffnet die Möglichkeit für Erfahrungen. Das Rollenspiel mit dem Zweck des Perspektivwechsels, das auch im pädagogischen Kontext stark verregelt verwendet wird, taugt nur, wenn es diese experimentelle Wiederholung einsetzt und den Teilnehmern, wie sie dann leider genannt werden, die Erlaubnis zur Variation gibt. Lassen wir die Pädagogik sowie auch Rollentheorien aus Soziologie und angrenzende Bereiche der Psychologie beiseite (und tun wir damit so, als wären wir darauf eingegangen und hätten eine Ahnung davon).
Den Diskurs um sog. Spielertypen, wie Ich-will-immer-gewinnen-Typen, soll hier außen vor bleiben. Ich verweise nur leise darauf, dass es ja gelegentlich ganz horizonterweiternd sein kann, mal was anderes zu spielen. Das gilt übrigens auch für die Leise-und-vorsichtig-Spieler, denen die extrovertierte Rolle einige hilfreiche Einblicke in neue Handlungsoptionen bieten kann.

Wiederholungen

Also, auf zu einem vernachlässigten Aspekt des Rollenspiels und gekaufter oder selbstgeschriebener Abenteuer: nämlich, dass es durchaus sinnvoll ist, ein Abenteuer oder eine Szene daraus, wiederholt zu spielen und dabei nicht nur die Durchführung und den Ausgang durch andere Zufallswerte beim Würfeln, sondern auch durch andere Entscheidungen bezüglich des Handelns der Spielfiguren experimentell zu variieren. Damit gelangt man zur Nacherzählung und Umerzählung: Da wir uns mit dem Rollenspiel im Bereich der Erzählung befinden, kann sich dieser Werkzeuge ruhig bedient werden.
Dabei ist sich in Erinnerung zu rufen: Die Ereignisse und die Erzählung zu den Ereignissen sind nicht dasselbe - das ist wie mit der Karte eines Gebiets und dem Gebiet oder dem Quatsch im Internet und der wirklichen Welt. Für jede kleine Zankerei gibt es sowohl eine Erzählung des vermeintlichen Gewinners, als auch eine des vermeintlichen Verlierers, der nicht selten mit einem umgedeuteten Sieg prahlt.
Die Erzählung über die Ereignisse wird Teil und Weiterführung der Ereignisse, und die Fiktion wirkt ihrerseits auf die addressierte Leserschaft oder allgemein auf das Publikum, das der Erzählung seine Aufmerksamkeit schenkt.
Tolkiens Herr der Ringe unterscheidet sich beispielsweise in einigen Dingen von Jacksons Herrn der Ringe. Die tatsächlichen Ereignisse lassen sich nur schwer überprüfen, und die Berufung auf originale Textquellen des angeblichen Autors ist in diesem Zusammenhang zumindestens fragwürdig. Beide Erzählungen sind Fiktion und beide Erzählungen haben ihr Publikum. Wenn sich nur genügend Zuschauer bloß an Jacksons Verfilmungen halten, dann werden Tom Bombadil und Goldbeere bald in Vergessenheit geraten. Abgesehen von kleinen Geheimgesellschaften, die das wahre Wissen um den Herrn der Ringe in Artefakten der Popkultur verschlüsselt von einer Generation an die nächste weitergeben, wird sich keiner um die beiden kümmern. Die Umerzählung, Nacherzählung und Neudichtung des Herrn der Ringe halten sicherlich manche für unpassend und ein weiteres Remake für unwahrscheinlich (Ich bin nach wie vor für eine Serie, die die Reise der Gefährten über mehrere Staffeln verfolgt.), aber sie ist möglich. Und weil es sich um Fiktion handelt und es hier um Spiel geht, lassen sich solche Umerzählungen experimentell nutzen. Die Rezeption (Lesen oder Sehen) beider Fassungen bietet ihrem Publikum unterschiedliche Erfahrungen, was mir nicht ganz unwichtig scheint.

Entscheidend ist, dass nicht nur eine dieser Erzählungen als alleingültig weitererzählt wird, sondern, dass, so wie beide Erzählungen (des Gewinners und des Verlierers) über eine Zankerei erhellend und wesentlich für die Streitschlichtung sein können, im Zusammenhang mit wiederholten Abenteuern, die Spieler Erfahrungen machen, die sie für Vergleiche, Diskurse und die Erweiterung ihrer Handlungsoptionen in späteren Spielen nutzen können.

Wer besser Spielen und Spielleiten können möchte, darf sich gerne daran versuchen. Wie auch beim Gitarrespielen, Karatekatalaufen usw. ist es sinnvoll die Übungen zu variieren: Wer behauptet, man müsse mindestens zehn Jahre lang "Silvanas Befreiung" mit allen möglichen Helden des Schwarzen Augen spielen, bevor man sich Spielmeister des ersten Grades nennen darf, verschließt sich und andere möglicherweise vor vielen schönen Spielerfahrungen.

Wiederholung und experimentelle Variation sind wesentlich für künstlerische Studien, für Versuche in Komposition und Improvisation, beim Kochen und beim Küssen.

So viel dazu, erstmal.

RPG-Blog-O-Quest August 2017 - Spielleitung

Die Augustqueste dieses schönen Jahres (2017) wird ausgerichtet von jaegers.net, und die Fragen drehen sich um Spielleitung.
  1. Am liebsten spiele ich Rollenspiele in einem gemütlichen, passend beleuchtetem Raum an einem Tisch mit ergonomischen Stühlen und genügend Platz für alle Spielmaterialen, Getränke und Knabbereien und mit einer Musikanlage zur Hand, denn dort lässt es sich gut spielen und reden.
  2. Ich bin seit mehr als zwei Jahrzehnten gerne und meistens Spielleiter, da sich in den ersten Tagen, als ich mich mit den Helden des Schwarzen Auges auf den Weg ins Abenteuer machte, niemand freiwillig zeigte, sich in die Regeln einzulesen und eine Spielgruppe zu moderieren, aber und daran hat sich bisher nichts geändert.
  3. Als Spieler bin ich zur Zeit eher am Computer in Abenteuerwelten unterwegs, denn a) siehe 2. - es leitet niemand sonst und b) führe ich insgeheim Studien durch, um die Zusammensetzung des perfekten Computerrollenspiels zu finden und für die Spielwelt nutzbar zu machen.
  4. Meister, Gamemaster (GM), Spielleiter(in) oder Spielleitung (SL) – die Bezeichnung ist mir fast schnuppe, jedoch bevorzuge ich im Englischen game master und im Deutschen Spielleiter. Und da ich kürzlich davon las - für sog. (non-)player characters bevorzuge ich den Begriff Spielfiguren.
  5. Wie bereitest du dich auf eine Spielrunde als Spielleiter und als Spieler vor? Als Spieler entwerfe ich meine Spielfigur und wecke meine Erinnerungen an vergangene Spielrunden mit einer besinnlichen Rückschau und anhand meiner Notizen. Als Spielleiter mache ich das ähnlich, nur dass ich mich auf wesentlich mehr Spielfiguren, Handlungsfäden und Ereignisse erinnere und vorbereite. Die Spieler sehen meist ihre Perspektive und ihre Deutung der Ereignisse aufgrund ihrer Spielerfahrung und Notizen. Was tatsächlich geschieht oder geschah, deckt sich ja nicht immer damit.
  6. Und weil wir mitten in der Convention Saison stecken noch die traditionelle Bonusfrage: Auf einer Rollenspiel Convention spielte ich bisher garnicht mit, weil ich noch auf keiner Convention darüber nachdachte, teilzunehmen. Vielleicht beim nächsten Mal.

Wie RPG-Blog-O-Quest funktioniert?


Und für die, die den monatlichen RPG-Blog-O-Quest immer noch nicht kennen, ist hier auch noch einmal die Erläuterung zu der monatlichen Aktion zusammengefasst:
  • An jedem Monatsersten stellen unterschiedliche Blogs, organisiert über das Forum auf RSP-Blogs, dem Rollenspielvolk fünf Fragen und oft eine Bonusfrage (in der Regel in Form von Lückentexten), um deren Beantwortung auf Blogs, in Podcasts, in Vlogs oder in Foren gebeten wird.
  • Jeder Monat erhält ein Hauptthema, um das sich die Fragen drehen.
  • Über die Zusendung der Links freuen sich die Ausrichter.
  • Jeder, der sich die Zeit nimmt, die Fragen zu beantworten, ist herzlich Willkommen.
  • Die “RPG-Blog-O–Quest” Logos dürfen selbstverständlich in den Beiträgen benutzt werden.